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Kategorie: Ehrenamt

Kritik am Ehrenamt

Definition:
Ambivalenz der staatlichen Förderung

Kritisch ist der Stellenwert ehrenamtlicher Arbeit in der gesellschaftlichen Gegenwartssituation zu betrachten. Einerseits liegt nahe zu vermuten, dass unbezahlte Arbeit bei ständig steigender Verschuldung der öffentlichen Haushalte und steigenden Kosten im sozialen und Gesundheitsbereich einiges von den nicht mehr bezahlbaren Aufgaben übernehmen soll, die in den letzten Jahrzehnten in den Bereich staatlicher Fürsorge fielen. So wurden beispielsweise Sozialleistungen für kognitiv beeinträchtigte Personen in England mit der Begründung, die Versorgung würde durch ehrenamtliches Engagement kostengünstiger und selbständig organisiert, massiv gekürzt. Es können jedoch nicht alle sozialen Aufgaben ehrenamtlich organisiert werden, was sich in diesem Fall gezeigt hat.

Unter diesem Aspekt richtet sich Kritik gegen die Förderung ehrenamtlichen Engagements durch den Staat, um seinen Haushalt zu entlasten: Ehrenamtliche als willkommene „Melkkühe“, in Verbindung mit Kritik der Finanzierung seines Haushaltes (z. B. zu geringe Besteuerung der Reichen) oder der Verwendung der Haushaltsmittel (z. B. zu hohe Ausgaben für militärische Rüstung.)

Andererseits ist ehrenamtliches Engagement, das zugunsten derjenigen erbracht wird, die davon direkt profitieren, zu begrüßen oder eventuell sogar notwendig, wenn solche Arbeit wegen Unbezahlbarkeit sonst entfiele. Dass es „indirekte“ Profite gibt, etwa wenn Wohlhabende nicht ganz besonders und sei es über Stiftungen oder andere materielle Leistungen (neben Steuern) teilhaben - solche Gerechtigkeitsfragen sind kein Argument gegen staatliche Förderung ehrenamtlichen Engagements.

Daneben muss berücksichtigt werden, dass entsprechendes politisches Handeln auch das Ziel haben kann, Subsidiarität zu stärken.


Problematik der Integration in geldvermittelte Leistungssysteme

In gewisser Hinsicht kann also die Etablierung ehrenamtlichen Engagements Ausnutzungscharakter haben: auf gesamtgesellschaftlicher (wie vorstehend angedeutet), aber auch auf Organisationsebene: Ehrenamtliche z. B. stützen nicht nur indirekt einen zu umfangreichen Verwaltungsapparat einer gemeinnützigen Einrichtung, sie tragen auch zu deren Fortbestand bei. Umgekehrt kann der Einsatz von Ehrenamtlichen zu Lohndumping führen: Diejenigen, die für ihre Arbeit bezahlt werden, erhalten ein geringeres Entgelt als angemessen wäre, indem sie zum Teil durch Ehrenamtliche ersetzt werden. Der Lohndruck auf Professionelle und eventuell ihre Verdrängung vom Arbeitsmarkt ist ähnlich problematisch wie bei subventionierten Tätigkeiten, z. B. bei 1-Euro-Jobs oder bei Zivildienstleistenden.


Definitionsprobleme und soziale Anerkennung

Der Begriff des Ehrenamts hat gegenüber anderen Bezeichnungen Vorzüge. Es muss eher Wohlhabenden „eine Ehre“ sein, anderen keine bezahlte Arbeit wegzunehmen. Oder die ehrenamtliche Tätigkeit ist ehrenvoll, wertet sozial auf, lässt statt monetärer Entgeltung soziale Anerkennung verdienen. Was nicht bei allen ehrenamtlichen Tätigkeiten und Leistungen in der Gesellschaft gleich erfolgt. Auch bei Aufwandsentschädigungen und kleinen Vergünstigungen unterscheiden sie sich sehr. Nur institutionalisierte Ehrenämter etwa haben auch Vergünstigungen wie Fahrgeld, regional Ehrenamtscards (so genannt in Hessen) für kostenlose oder ermäßigte Eintritte in Museen etc. (siehe link) Gleichwertiges informelles Engagement „im Dunkel“ fällt oftmals nicht auf (bei ohnehin motivierten, wohlhabenden Menschen auch stimmig). Während ehrenamtliches Engagement über den Klee gelobt wird, haben etwa Hausarbeit, Krankenpflege und Kindererziehung, je nach dem auch als unentgeltliche Dienste für die Gesellschaft zu verstehen, oft zu wenig Anerkennung.

Auch im Rahmen lohnabhängiger Beschäftigung entstehen oftmals informell zusätzliche Beiträge zum Gemeinwohl: etwa wo man - im Interesse eines gemeinnützigen Unternehmensziels - eine geringere Entlohnung oder unbezahlte Überstunden akzeptiert. Engagement am Arbeitsplatz kann einem Vergleich mit ehrenamtlichem Engagement manchmal standhalten.

Eine genaue Definition, was ehrenamtliches Handeln wesentlich ausmacht, im Unterschied zum Engagement anderer Sorte, ist daher kaum möglich, ohne dass Kritiker solcher Definition auftreten. Bei der Lektüre diesbezüglicher Literatur ist daher immer zu berücksichtigen, wie ehrenamtliches Handeln definiert wird, um darauf bezogene Untersuchungen richtig einzuordnen und zu bewerten.

Die (fachwissenschaftlichen) Begriffe bürgerschaftliches Engagement und zivilgesellschaftliches Engagement oder Freiwilligenarbeit als Ersatz für "ehrenamtliches" Engagement haben die notorische Unschärfe des eigentlich gemeinten nicht aufheben können. Darüber hinaus ist die Frage entstanden, ob bürgerschaftliches Engagement und zivilgesellschaftliches Engagement Synonyme sind oder nicht. Wenn man von Engagement in einer Bürgergesellschaft oder Zivilgesellschaft spricht, scheint die synonyme Verwendung gerechtfertigt. Hingegen ist Engagement für Bürgergesellschaft bzw. Zivilgesellschaft, etwa im Sinne von „mehr“ Bürgergesellschaft oder Zivilgesellschaft, oder im Sinne von Verbesserung entsprechenden gesellschaftlichen Lebens, nicht ohne weiteres gleichsetzbar, da diese Begriffe aus unterschiedlichen Traditionen politischen Denkens stammen.

Gegenüber dem „ehrenamtlichen Engagement“ sind „zivilgesellschaftliches“ oder „bürgerschaftliches Engagement“ umfassendere Begriffe, mit denen auch Engagement durch Geldspenden gemeint ist. Im Kontrast zu solchem Engagement hat ehrenamtliches Engagement den Charakter der Zeitspende.


Stand: 22.09.2007 23:38
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